Unordnung liegt im Auge des Betrachters. Sich wohlfühlen auch.

Joachim Zenker* deckt den großen Esstisch, schenkt Wasser und Saft in Gläser ein – er ist in seinem Element, die Arbeit geht ihm flink von der Hand. Schnell ist der Tisch fertig eingedeckt, aus der gemütlichen Wohnküche duftet es schon nach Königsberger Klopsen. Wie lange er schon hier wohnt? Er weiß es nicht. Zenker ist 87 Jahre alt und lebt im KATHARINENHOF AM DORFANGER. Sein Leben lang hat er in der Gastronomie gearbeitet, packt heute noch mit an, bis die Schwestern ihm sagen, dass „die Kneipe jetzt schließt“. Dann weiß er, es ist Feierabend, sein Tagwerk geschafft.

Er weiß schon lange nicht mehr, in welcher Welt er lebt. Aber die Handgriffe sind ihm immer noch vertraut: Geschirr abräumen, Stühle geraderücken und den Tisch abwischen. Joachim Zenker hat Demenz. Hier, AM DORFANGER, darf er sein, wie er ist. Denn diese Einrichtung ist ein Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz.

In 13 kleinen Wohngruppen leben sechs bis zwölf Bewohner wie in Familien zusammen. Jeder hat sein Zimmer, das mit ganz persönlichen Erinnerungsstücken gemütlich eingerichtet ist. Das Herzstück in jedem Wohnbereich ist die Küche. Hier spielt sich ein Großteil des Alltags ab. Was der feine Unterschied zu „gewöhnlichen“ Senioreneinrichtungen ist, erklärt Pflegedienstleiterin Sabrina Herrmann: „Wir stellen uns auf die Bewohner mit Demenz und ihre Welt ein, und nicht umgekehrt. Das heißt, wir geben ihnen so viel Normalität, Alltag und Vertrautheit wie möglich.“

Dass es hier anders zugeht als in einem „typischen“ Altenheim, beschreibt auch die außergewöhnliche Haus-Unordnung. Darin heißt es: „Jeder darf sein ‚Päckchen‘ tragen, alles anfassen, hin- und herstellen.“ Denn die Vorstellung von Ordnung, die Demente haben, entspricht oft nicht mehr den Werten gesunder Menschen. „Durch unsere Brille betrachtet mag es stören, dass hier ein Schuh herumliegt oder die Gießkanne ständig woanders steht. Doch das Herumtragen und Verräumen von Dingen ist ein Zeichen, dass die Bewohner aktiv sind und sich am Alltag beteiligen. Schließlich ist es ihr Zuhause“, klärt Sabrina Herrmann auf. „Greifen wir immer wieder ein, führt das schnell zu Stress und Überforderung, was sich durch Unruhe, Schreie, Aggression oder Verweigerung zeigen kann.“

Demenziell Erkrankte verfügen nicht mehr über das Vermögen, innere und äußere Reize angemessen zu verarbeiten und zu regulieren. Dagegen reagieren sie auf emotionaler Ebene sehr sensibel. Handtücher falten, beim Einkaufszettel helfen, Geschirr abtrocknen, Kuchenteig kneten und Hasen füttern – vertraute und gewohnte Alltagsroutinen und Tagesstrukturen helfen ihnen, Stresssymptome zu reduzieren. „Unsere Senioren brauchen täglich Bestätigung und Erfolge, möchten teilhaben und einbezogen werden, wie Joachim Zenker. Wenn wir ihn, seinen individuellen Fähigkeiten und Gewohnheiten entsprechend, ins Alltagsgeschehen einbinden, fühlt er sich pudelwohl.“

„Manchmal muss man in die Vergangenheit der Dementen reisen, um ihre Gegenwart zu verstehen“, erklärt Pflegedienstleiterin Sabrina Herrmann. „Und genau das ist unser Ansatz im Umgang mit Demenzerkrankten.“ Und Bewohner Zenker? Der stellt – ganz seiner Lebensgeschichte entsprechend – die Trinkgläser nach dem Mittagessen routiniert auf einem Tablett zusammen, blüht richtig auf und fühlt sich nützlich. Auch mit Demenz.

* Name von der Redaktion geändert

„Wir stellen uns auf die Bewohner mit Demenz und ihre Welt ein, und nicht umgekehrt.“

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